Nachgefragt bei Tarek Al-Wazir, hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung

Radverkehr in Hessen

minister_tarek_al-wazir_(c) HMWEVL_Internet

Sie begleiten die Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit“ von ADFC und AOK als Schirmherr. Fahren Sie regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit?
Von Offenbach – wo ich wohne – bis ins Verkehrsministerium nach Wiesbaden sind es mit dem Fahrrad an die 50 Kilometer. Ich gebe zu: Fürs tägliche Pendeln ist mir das dann doch ein wenig zu weit. Aber ich habe mich die Tage auf den Sattel geschwungen, bin vom Ministerium in den Landtag geradelt und habe damit unser Ministeriumsteam beim Stadtradeln unterstützt – wenn auch mit einer überschaubaren Kilometerzahl.

Warum hat das Fahrrad als Alltagsverkehrsmittel in Hessen politisch lange kaum eine Rolle gespielt?
Es stimmt, die Idee des Fahrrads als gleichberechtigtes Verkehrsmittel ist von meinen Vorgängern gerne belächelt worden. Es spielte höchstens für den Freizeitverkehr eine Rolle. Das habe ich geändert. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil es schlicht vernünftig ist. Viele Menschen wollen mehr mit dem Fahrrad unterwegs sein. Das ist nicht nur gut für Umwelt und Klima, sondern entlastet auch die Straßen. Deshalb unterstützen wir die Radinfrastruktur mit Millionen: Durch den Bau von Radwegen bis hin zur Förderung von Fahrrad-Abstellanlagen an S-Bahn-Stationen.

Dann wurde im März 2016 die Arbeitsgemeinschaft Nahmobilität Hessen (AGNH) gegründet und im Mai 2017 die Nahmobilitätsstrategie vorgestellt. Wie kam es zu dieser verkehrspolitischen Neuorientierung?
Die Gründung der AGNH ist Teil des Koalitionsvertrages. Wir wollten fest verankern, dass Radverkehr in Hessen eine wichtigere Rolle spielt als früher und dass auf die Interessen von Radfahrern nicht weniger geachtet wird als auf die der Autofahrer. Das Gute war: Der ADFC, aber auch viele regionale Radforen und andere Verbände haben uns dabei sehr stark unterstützt. Ohne sie wäre auch die Strategieentwicklung in der kurzen Zeit kaum möglich gewesen.

Ziel der AGNH und der Nahmobilitätsstrategie ist es, den Fuß- und Radverkehr in hessischen Städten und Gemeinden bis 2025 deutlich zu erhöhen. Sehen Sie bereits erste Erfolge?
Ja, das Interesse der Kommunen an der Unterstützung der AGNH ist sehr groß. Mehr als ein Drittel aller Hessischen Kommunen ist bereit Mitglied. Und im Ergebnis haben wir viele Projekte bei den Kommunen angestoßen. Da reichen auch manchmal schon kleinere Beträge: Dazu haben wir extra die Bagatellgrenze für mögliche Zuschüsse zu investiven Maßnahmen von 50.000 Euro auf 20.000 Euro gesenkt. Einfache Wegweiser und Schilder kosten beispielsweise häufig nicht die Welt, können aber einen sehr positiven Effekt haben.

Sie sprechen immer wieder davon, dass Hessen Vorreiter der Verkehrswende sein will. Warum und welche Bedeutung hat der Radverkehr dabei?
Die Verkehrswende wird sich nur im Zusammenwirken von Fuß- und Radverkehr, Bussen, Bahnen und dem Auto erreichen lassen. Und auf vielen Strecken ist das Rad klar im Vorteil: Jede zweite Autofahrt ist kürzer als fünf Kilometer, jede dritte sogar kürzer als drei Kilometer. Auf solchen Entfernungen ist das Rad meist schneller. Da haben wir noch enorme Potenziale.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung für den Verkehr in Hessen, insbesondere für den Radverkehr?
Ohne Digitalisierung werden wir unsere Verkehrsprobleme nicht in den Griff bekommen. Beim Fahrrad kann sie vor allem helfen, das Umsteigen und Vernetzen mit dem ÖPNV noch einfacher zu machen. Denn gerade bei der Verknüpfung der einzelnen Verkehrsträger spielt das Smartphone eine extrem wichtige Rolle. Das ist übrigens gerade in Hessen attraktiv: Bei uns ist die Fahrradmitnahme im ÖPNV seit über 20 Jahren kostenlos.

In Hessen haben Bürger in drei der vier größten hessischen Städte Radentscheide initiiert. Wie bewerten Sie diese Bewegungen?
Die Radentscheide zeigen, dass sich immer mehr Menschen für die Förderung des Fahrrades aktiv einsetzen. Das ist gut, denn viel zu lange haben Stadtplaner im Zweifel immer für das Auto und gegen das Fahrrad entschieden, wenn es eng wurde. Das ändert sich zunehmend.

Der ADFC ist die Lobby der Radfahrenden in Hessen, mit der Sie auch eng zusammenarbeiten. Welche Rolle spielt der ADFC bei der Radverkehrsförderung in ihrem Bundesland?
Der ADFC ist für uns ein wichtiger Ideengeber und Initiator. Er ist fachlicher Ansprechpartner – zum Beispiel, wenn es um Verbesserungen bei den Hessischen Radfernwegen geht. Der ADFC ist aber auch Multiplikator, indem er Ideen über den Landesverband und die Kreisverbände in die Fläche bringt. Kurzum: Die Fortschritte der vergangenen Jahre wären ohne den ADFC so sicher nicht möglich gewesen.

In den letzten Jahren wurden in Hessen schon wichtige Schritte hin zu mehr Nahmobilität unternommen. Was kann Hessen in Sachen Radverkehr und Radverkehrsförderung noch besser machen?
Ganz oben auf der Agenda stehen die Netzentwicklung und das Schließen von Netzlücken. Mit unserer Studie „Radschnellverbindungen in Hessen“ sind wir dabei, bis Anfang nächsten Jahres das bestehende Netz zu analysieren und Korridore für Radschnellverbindungen zu identifizieren. Das ist die Grundlage für den nächsten Schritt: Die systematische Weiterentwicklung des Radnetzes für den Alltagsverkehr. Dazu gehören dann auch Radschnellverbindungen in den Korridoren mit besonders großer Nachfrage.

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Stand: August 2018


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